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Schlangen leben immer weiter oben


Schweizer Vipern und Nattern werden inzwischen auf 3000 Metern beobachtet. Aber nicht unbedingt dann, wenn man’s erwarten würde.


Von: René Fuchs  (Fotos: René Fuchs, Andreas Meyer)


Sonnenstrahlen dringen durch den Wald auf die steinige Böschung einer Alpzufahrt im östlichen Berner Oberland. Eine schwarze Aspisviper züngelt, äugt und gleitet in ihr Versteck zwischen Steinbrocken. Doch kaum ist sie verschwunden, wird ihr Kopf wieder sichtbar. Sie ist nicht die einzige «Höllenviper», wie der Volksmund dramatisiert, an diesem Strassenrand. Die beiden Giftzähne ruhen zurückgeklappt in einer Zahnfleischtasche. Bei einem Biss sind sie einzeln mit und ohne Gift einsetzbar. Einen Steinvorsprung daneben sonnt sich ein weiteres trächtiges Weibchen. Gut ist sein kantiger Kopf mit der aufgeworfenen Schnauzspitze zu sehen. Es nutzt das Sonnenlicht, um seinen Em­bryo­nen optimale Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Die Körpertemperatur bewegt sich um 32 Grad Celsius.

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Die beiden Aspisvipern lassen sich auch von vorbeifahrenden Autos und Velofahrern nicht stören. Jagen werden sie bis zur Geburt ihres Nachwuchses sowieso nicht mehr.

Wir sind unterwegs mit Andreas Meyer, Leiter Fachbereich Reptilien der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch). Die Karch führt im Auftrag des Bundes die Verbreitungsdatenbank der heimischen Reptilienarten mittels Felderhebungen. Unentbehrlich sind auch Meldungen aus der Bevölkerung.

 

 

 

 

Die Beobachtungsplätze bleiben geheim

Meyer führt uns zu einzigartigen Schlangenplätzen. Und bittet darum, die genauen Orte nicht zu verraten, damit die Tiere ungestört leben können. Doch ein paar Tipps hat er: «Verhält man sich ruhig, lassen sich Aspisvipern aus ein paar Metern ­Distanz sehr gut beobachten», sagt Meyer. Bodenerschütterungen durch Schritte spielen bei den neun Schweizer Schlangenarten kaum eine Rolle. Entscheidend sind Seh- und Geruchssinn. Hören können sie nicht.

Meyer weiss aus Erfahrung: «Viele Schlangen sieht man bei feuchtem, teils sogar kühlem und regnerischem Wetter oder bei sommerlichen Gewitterlagen mit hoher Luftfeuchtigkeit.» Bei Hitze, Trockenheit und Wind sieht man sie kaum.

Es ist nicht so, dass die Klimaerwärmung unbedingt ein Vorteil für die hiesigen Schlangen ist. Jedenfalls nicht für die Kreuzotter. In der Schweiz, an ihrer südwestlichen Verbreitungsgrenze, wird ihr Lebensraumangebot klimabedingt kleiner. Sie braucht kühlere und feuchtere Bedingungen. «Wir gehen davon aus, dass die Kreuzottern deshalb an einigen Standorten verschwinden», bedauert Meyer.

Durch Spreizen der Rippen kann die Kreuzotter ihren Körper stark abflachen und so auch die minimal einfallende Solarstrahlung nutzen. Zudem kann sie Nahrung auch bei tiefen Temperaturen noch verdauen. Welchen Einfluss heisse Tage auf diese Individuen haben, zeigt die ergebnislose Suche bei Mauern und Steinhaufen auf einer anderen Alp im Berner Oberland Tage zuvor. Bei wechselhaftem Wetter hingegen waren mehrere Tiere zu sehen.

Besser ist die Erwärmung für die wärmeliebenden Aspisviper, Äskulap-, Ringel-, Viper-, Würfel- und die Zornnatter. Sie breiten sich zudem tendenziell auch in höhere Gefilde aus. Im Engadin, im Tessin und Wallis sind nun vereinzelt Schlangensichtungen sogar bis 3000 m ü. M. möglich. Und waren früher die Lebensräume eher auf Südhänge beschränkt, werden vermehrt auch nordexponierte Lagen besiedelt. Entscheidend ist dabei, dass die Beutetiere, hauptsächlich Mäuse, mitwandern.

Jedenfalls hat sich ein Schlangenräuber schon angepasst. Der Schlangenadler wird seit zehn Jahren wieder ab und zu im Wallis und Tessin beim Brüten beobachtet – dies, nachdem der Vogel in den letzten Jahrzehnten hier kaum mehr brütete. Man erkennt ihn am Rüttelflug auf der Nahrungssuche, wenn er an Ort mit hängenden Füssen in der Luft schwebt.

Die Schlangen profitieren von Steinhaufen

Entscheidend für die Arterhaltung sind neben dem Klima die Lebensräume. «Neuanlage und Pflege von Kleinststrukturen sollten durch das Direktzahlungssystem besser wertgeschätzt und abgegolten werden», sagt Meyer.

Der kürzlich durchs Parlament abgelehnten Agrarreform des Bundes AP22+ mit finanziellen Anreizen für Kleinststrukturen, wie Hecken und Steinhaufen, trauert er nach. «Denn Orte, wo Schlangen vorkommen, sind ein Indikator für eine naturnahe, vielfältige Landschaft», hält der passionierte Reptilienkenner fest.

Eine ASpisvper lässt sich im Berner Oberland von der Sonne erwärmen. Sie ist schwanger und isst bis zur Geburt nichts mehr.

Links: eine Kreuzotter. Bilder: René Fuchs, Andreas Meyer



Kontakt:

Simon Läuchli

Hauptstrasse 16
5113 Holderbank
Tel: 062 893 17 42
E-Mail: simon.laeuchli@bluewin.ch

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